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Ein guter Herrscher bleibt größtenteils unsichtbar. Wenn alles reibungslos funktioniert, nimmt niemand die Arbeit eines Herzogs wahr. Deshalb müssen wir den Menschen etwas bieten, das sie bejubeln können, worüber sie reden können, an das sie sich erinnern.
Herzog Paulus Atreides
Kailea erkannte ihre Chance während eines endlosen Familiendiners im großen Bankettsaal von Burg Caladan. Leto saß glücklich im Sessel des Herzogs am Ende der langen Tafel, während Haushaltsdiener Terrinen mit einem scharf gewürzten Fischeintopf hereinbrachten, an dem sich normalerweise die unteren Schichten der Fischer und Dorfbewohner gütlich taten.
Leto aß mit großem Appetit vom einfachen Gericht. Vielleicht erinnerte es ihn auch nur an seine Kindheit, als er am Hafen gespielt und sich auf Fischkuttern herumgetrieben hatte, statt seine Ausbildung zum Oberhaupt eines Großen Hauses zu vervollständigen. Zumindest Kailea war der Ansicht, dass der alte Herzog Paulus seinem einzigen Erben niemals hätte erlauben dürfen, so viel Zeit mit dem einfachen Volk und seinen primitiven Sorgen zu verbringen, statt mehr über die Feinheiten der Politik zu lernen. Für sie stand fest, dass Herzog Leto damit überfordert war, einen Haushalt zu führen und sich mit den Interessen der Gilde, der MAFEA, des Imperators und des Landsraads auseinander zu setzen.
Victor saß neben seinem Vater. Eine Schicht dicker Kissen auf seinem Stuhl sorgte dafür, dass er an seinen Teller heranreichte. Der dunkelhaarige Junge imitierte seinen Vater und schlürfte die Suppe, während Leto sich alle Mühe gab, die Geräuschentwicklung des Sechsjährigen noch zu übertreffen. Der kultiviert erzogenen Kailea missfiel es vor allem, wie ihr Sohn die schlechten Angewohnheiten seines Vaters zu kopieren versuchte. Wenn der Junge eines Tages zum wahren Atreides-Erben wurde und Kailea die Regentschaft übernahm, würde sie ihn anständig erziehen, damit er die Verpflichtungen seiner hohen Geburt würdigen konnte. In Victor würden sich die besten Eigenschaften der Häuser Atreides und Vernius vereinen.
Die anderen rissen mundgerechte Stücke aus den Brotlaiben und tranken bitteres caladanisches Ale, obwohl Kailea wusste, dass jede Menge guter Weine im Keller lagerte. Man lachte und unterhielt sich entspannt, doch sie nahm nicht daran teil, sondern stocherte nur in ihrem Essen herum. Mehrere Sitze weiter saß Gurney Halleck, der sein neues Baliset mitgebracht hatte und während des Nachtischs für Unterhaltung sorgen würde. Da er ihren Vater besser als Kailea oder ihr Bruder gekannt hatte, war sie froh, ihn in ihrer Nähe zu haben ... auch wenn Gurney bisher nicht besonders freundlich zu ihr gewesen war.
Ihr gegenüber saß Rhombur, der sich in der Gesellschaft seiner Konkubine Tessia rundum glücklich zu fühlen schien. Und er bemühte sich nach Kräften, Leto hinsichtlich der bewältigten Menge an Fischeintopf zu übertreffen. Thufir Hawat war in tiefe Konzentration versunken und vernachlässigte seine Mahlzeit. Stattdessen musterte der Mentat die Menschen am Tisch und ließ seinen Blick von einem Gesicht zum nächsten wandern. Kailea versuchte einem Augenkontakt mit ihm auszuweichen.
Ein Stück weiter am Tisch saß Jessica, als wollte sie demonstrieren, dass sie innerhalb des herzoglichen Haushalts mit Kailea gleichgestellt war. Die Frau hatte Nerven! Kailea hätte sie am liebsten gewürgt. Die attraktive Bene Gesserit aß mit bedächtigen, eleganten Bewegungen und war sich ihrer Position so sicher, dass sie völlig unbefangen wirkte. Dann hielt Jessica inne und studierte Letos Gesicht, als wäre sie in der Lage, jede Ausdrucksnuance so mühelos wie Worte auf einer Shigadrahtspule zu lesen.
An diesem Abend hatte Leto sie alle zusammengerufen, um gemeinsam mit ihm zu speisen, obwohl Kailea nichts von einem besonderen Anlass, einem Jahrestag oder einem besonderen Feiertag wusste. Sie vermutete vielmehr, dass der Herzog wieder einen verwegenen und dummen Plan ausgeheckt hatte, den er auszuführen gewillt war, ohne darauf zu hören, welchen Rat sie oder sonstjemand ihm gab.
Leuchtgloben schwebten wie Zierrat über dem Tisch. Dazwischen hing der Giftschnüffler mit den vielgelenkigen Armen in der Luft. Angesichts der Fehden im Landsraad war das insektenhafte Gerät ein unverzichtbares Instrument.
Leto beendete seine Mahlzeit und tupfte sich den Mund mit einer bestickten Leinenserviette ab. Dann lehnte er sich zufrieden seufzend im handgeschnitzten Sessel zurück. Victor tat es ihm nach, obwohl er kaum ein Drittel seines Eintopfs aufgegessen hatte. Gurney Halleck, der längst entschieden hatte, welches Lied er anschließend spielen wollte, blickte sich zu seinem neunsaitigen Baliset um, das an der Wand stand.
Kailea beobachtete Letos graue Augen, wie sein Blick von einem Ende des Bankettsaals zum anderen wanderte, vom Porträt des alten Herzogs zum Stierkopf, dessen Hörner immer noch mit Blut befleckt waren. Sie hatte keine Ahnung, was der Herzog dachte, doch als sie sah, wie die kleine Hexe Jessica seinen Blick mit grünen Augen erwiderte, schien es fast, als wüsste sie genau, was Leto vorhatte. Kailea wandte sich mit gerunzelter Stirn ab.
Als Leto aufstand, atmete Kailea seufzend ein. Er würde zweifellos zu einer seiner endlosen Reden ansetzen, mit denen er sie alle inspirieren und ihnen bewusst machen wollte, wie gut ihr Leben war. Aber wenn das Leben so gut war, warum waren dann ihre Eltern ermordet worden? Warum lebten sie und ihr Bruder, die Erben eines Großen Hauses, im Exil, anstatt das Leben zu führen, das ihrem Stand angemessen war?
Zwei Diener eilten herbei, um das Geschirr abzuräumen, doch Leto wehrte sie ab, damit er ungestört seine Rede halten konnte. »Nächste Woche jährt sich zum zwanzigsten Mal der Tag des Stierkampfes, bei dem mein Vater getötet wurde.« Er blickte zum Porträt auf, das den alten Herzog als Matador zeigte. »Also habe ich viel über die großen Spektakel nachgedacht, mit denen Paulus sein Volk unterhalten hat. Damit hat er sich sehr beliebt gemacht. Ich denke, es ist jetzt an der Zeit, dass auch ich ein würdiges Spektakel begründe, wie man es von einem Herzog von Caladan erwartet.«
Hawat war sofort auf der Hut. »Was haben Sie im Sinn, Mylord?«
»Nichts, was so gefährlich wie ein Stierkampf ist, Thufir.« Leto grinste und sah zuerst Victor, dann Rhombur an. »Aber ich möchte etwas tun, über das die Menschen noch lange Zeit reden. Bald werde ich zum Landsraad nach Kaitain aufbrechen, um eine neue diplomatische Mission im Moritani-Ecaz-Konflikt zu beginnen. Bevor wir möglicherweise eine viel stärkere Allianz mit Ecaz eingehen.«
Er hielt kurz inne und wirkte leicht verlegen. »Zum Abschied von Caladan werde ich unser größtes Drachenschiff besteigen und zu einem grandiosen Rundflug über den Kontinent aufbrechen. Mein Volk wird zum Luftschiff mit den bunten Bannern aufblicken und dem Herzog viel Glück auf seiner Mission wünschen. Wir werden über den Fischereiflotten kreuzen und dann über die Pundi-Reisfarmen im Binnenland hinwegfliegen.«
Victor klatschte in die Hände, und Gurney nickte anerkennend. »Ho! Das wird ein wunderbarer Anblick sein!«
Rhombur stützte die Ellbogen auf den Tisch und legte sein eckiges Kinn auf die Hände. »Äh ... soll Duncan Idaho nicht bald von Ginaz zurückkehren, Leto? Wirst du fort sein, wenn er eintrifft? Oder könnten wir seine Rückkehr und deine Abreise mit einer Feier abwickeln?«
Leto dachte nach, dann schüttelte er den Kopf. »Ich habe seit einiger Zeit nichts mehr von ihm gehört. Wir erwarten ihn erst in ein paar Monaten.«
Gurney schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Bei den Höllengöttern! Wenn er nach acht langen Jahren der Ausbildung als Schwertmeister von Ginaz zurückkehrt, hat der Mann einen würdigen Empfang verdient, meinen Sie nicht auch?«
Leto lachte. »In der Tat, Gurney! Für die Vorbereitungen haben wir nach meiner Rückkehr noch genügend Zeit. Wenn Sie, Thufir und Duncan meine Leibwache stellen, muss ich nie wieder auch nur den leichtesten Kratzer von einem Feind fürchten.«
»Es gibt viele Möglichkeiten, wie ein Feind zuschlagen kann, Mylord«, sagte Jessica mit warnendem Unterton.
Kailea erstarrte, aber Leto schien es nicht zu bemerken. Stattdessen wandte er sich der Hexe zu. »Dessen bin ich mir stets bewusst.«
In Kaileas Kopf hatten sich Räder in Bewegung gesetzt. Nach der Mahlzeit entschuldigte sie sich und ging zu Chiara, um ihr zu erzählen, was Leto zu tun beabsichtigte.
* * *
In dieser Nacht schlief Leto auf einer Pritsche in einem Hangar des Raumhafens von Cala City, während sein Personal das große Ereignis vorbereitete. In wenigen Tagen würde das mit Segeln ausgestattete Drachenschiff zum großen Flug aufbrechen.
Kailea ließ Swain Goire in ihre Gemächer rufen und verführte ihn, wie sie es in der Vergangenheit bereits viele Male getan hatte. Sie gab sich dem Wachhauptmann mit wilder Leidenschaft hin, die ihn überraschte und erschöpfte. Er sah Leto sehr ähnlich, war jedoch ein ganz anderer Mann. Als er danach in ihrem Bett eingeschlafen war, stahl sie einen winzigen Codeschlüssel aus einer versteckten Tasche in seinem dicken Ledergürtel, der neben seinen anderen Sachen auf dem Boden lag. Da er ihn nur selten benutzte, würde es einige Zeit dauern, bis Goire den Verlust bemerkte.
Am nächsten Morgen drückte sie den kleinen Gegenstand in Chiaras ledrige Handfläche und schloss die Finger der alten Frau darum. »Damit hast du Zugang zur Waffenkammer der Atreides. Sei vorsichtig.«
Chiaras rabenschwarze Augen funkelten, dann ließ sie den Schlüssel schnell unter ihren Gewändern verschwinden. »Ich werde alles weitere erledigen, Mylady.«